scheinen, drohen, versprechen + zu
scheinen zu
scheinen + zu + Infinitiv drückt eine subjektive Vermutung oder einen Eindruck aus, der auf äußeren Anzeichen beruht. Es ist die Entsprechung zu englisch „seems to“. Die Konstruktion folgt der allgemeinen Regel für Vollverben, die eine infinite Ergänzung mit zu verlangen, und bildet die Verbalklammer: Das konjugierte scheinen steht an zweiter Position, der Infinitiv mit zu am Satzende. Bei trennbaren Verben wird zu zwischen Präfix und Stamm eingeschoben (z. B. anzurufen), bei untrennbaren Verben steht zu davor (z. B. zu verstehen). Für die Vergangenheit verwendet man den Perfekt-Infinitiv mit haben oder sein je nach Vollverb.
Eine wichtige Nuance: scheinen kann auch ohne Infinitiv mit einem prädikativen Adjektiv stehen (z. B. Er scheint müde), was eine verkürzte Form von Er scheint müde zu sein ist. Diese Kurzform ist in der gesprochenen Sprache üblich, in formelleren Texten wird die volle Form bevorzugt.
- Es scheint zu regnen.
- Sie scheint die Prüfung bestanden zu haben.
drohen zu
drohen + zu + Infinitiv kündigt eine unmittelbar bevorstehende negative Entwicklung oder Gefahr an. Es wird oft in Nachrichten und formellen Kontexten verwendet, um eine Warnung auszudrücken. Die syntaktische Struktur ist dieselbe wie bei scheinen: konjugiertes drohen an zweiter Position, Infinitiv mit zu am Satzende. Semantisch impliziert drohen eine Bedrohung, daher ist es fast ausschließlich auf unerwünschte Ereignisse beschränkt.
Eine wichtige Ausnahme ist die Verwendung von drohen mit Dativobjekt und nominalem Objekt ohne Infinitiv, z. B. Dem Unternehmen droht die Insolvenz. Diese Konstruktion bedeutet „bevorstehen“ und ist nicht mit der Infinitivkonstruktion zu verwechseln.
- Die Kosten drohen zu steigen.
- Dem Angeklagten droht eine lange Haftstrafe.
versprechen zu
versprechen + zu + Infinitiv drückt eine Zusage oder Verpflichtung aus, wobei das Subjekt des Hauptsatzes auch das Subjekt des Infinitivs ist (Objektkontrolle). Bei einem menschlichen Subjekt handelt es sich um eine echte Zusage; bei einem sächlichen Subjekt kann es eine positive Prognose bedeuten (z. B. Die Software verspricht, die Arbeit zu erleichtern). Die Bildung folgt dem gleichen Muster wie bei scheinen und drohen, aber die Kommasetzung ist hier besonders wichtig: Bei einem erweiterten Infinitiv (mit eigenen Objekten oder Adverbialen) ist ein Komma obligatorisch.
Eine häufige Fehlerquelle ist das Weglassen des Kommas vor dem erweiterten Infinitiv, z. B. Ich verspreche pünktlich zu sein (falsch). Zudem wird versprechen im Perfekt mit haben gebildet, nicht mit sein.
- Sie verspricht, pünktlich zu sein.
- Er hat versprochen, uns zu besuchen.